Mittwoch, 2. Juni 2004

 

Am frühen Vormittag fahre ich vom Ardglas B&B los in Richtung Süden, nutze die Umfahrung der Stadt Donegal, passiere Bundoran und die Ortschaft Grange. Ca. 4 Kilometer weiter südlich biege ich beim 2. entsprechenden Wegweiser zum Lake Glencar ab. Natürlich hätte ich schon beim ersten Wegweiser abbiegen können, aber da hätte ich eine noch engere und unübersichtlichere Straße benutzen müssen, als ich ohnehin befahre.

Der Lake Glencar ist ein kleiner, aber schön inmitten eines von eiszeitlichen Gletschern geschaffenen Tals gelegener See. Solche Seen und solche Täler gibt es in Irland naturgemäß viele. Ich denke, der Landschaft wegen kommen nur wenige Touristen zum Lake Glencar.

Indessen, am Nordufer, ein wenig abseits von Straße und Parkplatz, gibt es einen kleinen, 15 Meter hohenWasserfall. Auch nichts besonderes, nur wenig Ähnlichkeit mit den Niagara-Fällen oder auch den Wasserfällen von Krimml in Österreich, aber mit einer Besonderheit: In einem Gedicht von W. B. Yeats wird der Wasserfall besungen:

 

„Where the wandering water gushes
From the hills above Glen-Car,
In pools among the rushes
That scarce could bathe a star,
We seek for slumbering trout. . ."

 

Die paar Zeilen genügten, um eine Touristenattraktion zu schaffen. Sie findet sich auch in ganz kurz gehaltenen und lakonischen Reiseführern.  So schaut sie aus.

Sie gehört daher anscheinend auch zur Reiseroute vieler Autobusreisen, deren gesammelte Insassen am kleinen Wasserfall für Gedränge sorgen – ausgenommen die natürlich, die im Bus sitzen bleiben und dort echtes deutsches Bier aus Dosen trinken.

Mich wundert immer wieder, welche Anziehungskraft die auf mich fast alle ein wenig geschwollen und durchaus unzeitgemäß wirkenden Gedichte auf junge Menschen haben: Wann immer ich herkomme, ich fand junge Leute, aus Europa, aus Amerika, die zum Wasserfall hinstrebten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich kein junger Mensch mehr bin.

Reisender, willst Du, auf Yeats fiktiven Fußspuren wandelnd, zwar kein Gedicht verfassen, aber ein Erinnerungsfoto für zuhause machen, bedenke: Ohne Weitwinkelobjektiv geht gar nichts und nur am frühen Nachmittag wird der Wasserfall von der Sonne kurz beschienen – so sie denn scheint. Die restliche Zeit liegt der Wasserfall im Schatten überhängender Bäume. Da ist dann ein Stativ von Vorteil, auch bei Verwendung von Digitalkameras.

Die Parkplatzsuche in Sligo erweist sich als einigermaßen schwierig. Um die Mittagszeit fahren die Iren gerne einkaufen. Aber schließlich ist das Glück auch mir hold und ich gehe in der O’Connell Street in ein Coffee Shop.

Natürlich findet man in Sligo jederzeit einwandfrei einen legalen Parkplatz, ich hätte nur einige 100 Meter vom Stadtzentrum entfernt mein Glück versuchen müssen – wäre auch gratis gewesen, denn auch in Sligo benötigt man Parking Discs, erhältlich u. a. beim Zeitungshändler in der Wine Street. Wo die Wine Street denn ist, wollen Sie wissen? Schauen Sie doch auf den Stadtplan. Bei der Gelegenheit: der Rest der des Webauftrittes von Aine Chambers ist auch sehr schön und interessant. Sie selbst auch, wie sie sehen werden.

Vom Kaffee gestärkt, sehe ich eine Touristin das Geschäft des Michael Quirke in der Wine Street betreten und folge ihr. Herr Quirke ist ein Original: gelernter Fleischer hat er sein Handwerk aufgegeben und sein Hobby zum Beruf gemacht: er ist Holzschnitzer geworden und arbeitet in seinem Fleischerladen; in der Auslage liegen keine Koteletts etc. mehr, sondern stehen seine Werke zum Verkauf bereit.

Ihn Holzschnitzer zu nennen, ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung. Er schneidet in seinem Atelier 20 oder 30 Zentimeter hohe Quader aus Weichholz zurecht und schnitzt in sie mit Werkzeugen, wie man sie früher bei Linolschnitten verwendete, die Gesichter sagenhafter Helden und Heldinnen oder gleich ganze Figuren aus der keltischen Mythologie. Das ergibt sehr schöne Skulpturen – eigentlich ideale Mitbringsel zum Preis eines der unsäglichen echten Aran-Pullover, gestrickt auf der elektrischen Strickmaschine mit australischer Schafwolle, weil sie halt billiger ist.

Die Touristin zeigt Interesse an des Meisters Arbeit; als sie ihm auch noch den portugiesischen Text auf einer Ansichtskarte ins Englische übersetzt, ist Michael Quirke so angetan von der Touristin, dass er als Belohnung für die Übersetzung ein Holzbrett extra für sie zurechtschneidet, einen stilisierten hübschen Hund auf eine Seite schnitzt (Hunde sind die Lieblingstiere der Touristin, sagte sie) und auf der Rückseite gleich auch noch ihren Namen und die Silhouette des Hausbergs von Sligo einritzt, des Knocknarea mit dem Grab der Queen Maeve oben drauf. Auch Queen Maeve ist übrigens eine Figur aus der irischen Sagenwelt, deren Skulptur man bei ihm kaufen kann.

Mir schenkt er keine Beachtung – ich kann ihm ja auch nichts aus dem Portugiesischen übersetzen. Ich erhalte daher auch kein extra für mich geschnitztes Holzbrettchen. So nütze ich die Gelegenheit, den Meister bei seiner Arbeit zu fotografieren und verspreche, ihm ein Foto zu schicken, was ich inzwischen auch getan habe.

Offenbar erhält also nicht ein jeder Besucher seines Ateliers Proben seines Könnens von Michael Quirke geschenkt – außer der Besucher kann irgendwelche besondere Leistungen erbringen. Bedenken Sie das bitte, falls Sie ihm in der Wine Street einen Besuch abstatten.

Als ich an der Sligoer Filiale des Abrakadabra vorbeigehe, einer Kette von Schnellrestaurants, die sich auf eher ausländische Gerichte spezialisieren (da kann wenig schief gehen, wer denn weiß schon, wie ein echtes Curry-Gericht in Indien schmeckt?), erinnere ich mich daran, dass vor Jahren der Manager der Filiale ein Gratisessen ausgelobt hat, sofern Tony Hawks mit seinem Kühlschrank vorbeikomme. Herr Hawks ist ein Engländer, der vor Jahren per Autostop auf Grund einer Wette rund um Irland reiste und darüber ein köstliches Buch geschrieben hat: <Tony Hawks, Mit dem Kühlschrank durch Irland, Goldmann Verlag, 2000,> und bei Amazon noch lieferbar.

Das bringt mich auf die Idee, nach Strandhill am Fuß des Knocknarea zu fahren und dort die <Strand Bar> zu besuchen, in der Hawks einen turbulenten Abend verbrachte. Das Mädchen an der Theke war aber 1997, als die Reise stattfand, wohl noch in der Volksschule, sie weiß von nix, gar nix. Immerhin holt sie die Besitzerin und die erinnert sich an den seltsamen Menschen mit dem, wenn auch kleinen, Kühlschrank, den er auch in das Pub mitgenommen hat. Sie wundert sich, dass immer wieder Gäste nach Tony Hawks fragen – dass das Buch zum Bestseller wurde, weiß sie nicht und gelesen hat sie es auch nicht, sagt sie, auch nicht die englische Originalfassung.

Auf die Regionalstraße zurückgekehrt, fahre ich sodann Richtung Süden. Ehe sich die Straße, die den Knocknarea umrundet, nach Südwesten wendet, befindet sich ein kleiner, unbezeichneter Parkplatz. Dort stelle ich mein Auto ab und gehe dem Ufer entlang nach Süden, bis ich nach vielleicht hundert Metern zu einem vielleicht 30 Meter langen und übermannshohen Erdwall gelange, der sich dem Ufer entlang zieht. Indes, es handelt sich um keinen gewöhnlichen Erdwall, sondern um einen mit Sand bedeckten und in den letzten 2000 Jahren mit Gras bewachsenen <Midden> beim so genannten Gentian Hill. Middens sind nicht selten, dieser hat den Vorteil, dass er leicht erreichbar ist. Was Middens sind? Haufen von Muschelschalen, deren Inhalt von den vorzeitlichen Siedlern in Irland gegessen wurde und deren Schalen sie, offenbar Jahrhunderte lang, fein säuberlich auf einen Haufen warfen. Man muss nur die Humusschicht abgraben und gelangt zu den Muschelschalen. Im vorliegenden Midden haben diese Arbeit schon andere vor mir durchgeführt, ich habe es einfach, grabe 2 besonders schöne Muschelschalen aus, die ich als Souvenir heim nehmen möchte. Schade bloß, dass diese um die 4000 Jahre alten Muschelschalen auch nicht anders aussehen wie die Muschelschalen, die man überall an jedem Strand aufklauben kann. Hauptsache, ich weiß um ihr Alter, wenn ich sie auf dem heimischen Bücherregal betrachten werde.

Auf der Weiterfahrt fahre ich entlang der Südseite des Knocknarea durch das vorgeschichtliche Gräberfeld von Carrowmore, das größte seiner Art in Irland. Man kann es, gegen Entgelt, besichtigen, nachdem man das Auto auf dem kleinen Parkplatz neben dem Besucherzentrum abgestellt hat. Normal interessierten Menschen genügt freilich ein Blick von der Straße und ferner die Besichtigung eines Monuments gegenüber dem Besucherzentrum und eines weiteren an der Straße nach Sligo. Beide sind unentgeltlich zu besichtigen, zum erstgenannten kann man über eine Wiese hingehen, das andere liegt ohnehin am Straßenrand. Man darf sich durch die Warnungen beim Betreten der genannten Wiese nicht abhalten lassen: die Kühe sind durchaus friedlich, <gefährlich> sind bloß ihre allenthalben verstreuten Hinterlassenschaften. Daher Augen auf und schön schauen, wo man hintritt.

Das tue ich und gelange unbeschädigt und unbeschmutzt wieder zum Auto auf dem Parkplatz des Besucherzentrums.

Nach Sligo zurückgekehrt, kaufe ich mir im Supermarkt von Tesco Esswaren ein und, fahre sodann nach Rosses Point zum B&B Saniúd, in dem ich ebenso freundlich von der Besitzerin Marian Nealon empfangen und mit Tee bewirtet werde wie vor 2 Tagen.

Und während ich danach in meinem Zimmer in den beiden im Booknest an der Rockwood Parade gekauften Büchern blättere, denke ich über die ganz ehrlich gemeinte Freundlichkeit vieler Menschen hierzulande den Fremden gegenüber nach und vergleiche ihr Verhalten mit dem von uns Wienern. Kein Vergleich, denke ich.

Mehr noch als die prächtigen Landschaften Irlands und die vielen Sehenswürdigkeiten macht die Freundlichkeit und Warmherzigkeit von Menschen wie Michael Quirke oder Marian Nealon jede Reise nach Irland für mich zum Erlebnis.

Am Abend setze ich mich ins Pub des Yeats County Hotels so ziemlich am Westende der Halbinsel von Rosses Point, betrachte mir die Touristen aus den Vereinigten Staaten, die sich schön in Schlange aufstellen, ehe sie in den Speisesaal zum wohl verdienten Abendessen eingelassen werden. Wie verschieden in ihrem Verhalten doch die Menschen sind und nicht nur sie, sondern auch die Völker, denen sie angehören.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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