Donnerstag, 3. Juni 2004

 

Am Morgen setzt Nieselregen ein; als ich vom Saniúd abfahre, regnet es.

Wohin bei diesem Wetter?

Ich fahre zunächst nach Sligo, mache ein paar Einkäufe, lese die Zeitung und schlage mit drei Worten sozusagen die Zeit tot.

Gegen ½ 10 Uhr fahre ich nach Norden, an Drumcliff vorbei bis Grange und biege dort nach links ein, folge den entsprechenden Wegweisern und lange noch vor 10 Uhr auf dem kleinen Parkplatz beim Lissadell House ein.

Voriges Jahr waren die Zeitungen voll vom bevorstehenden Verkauf des Lissadell Houses durch die derzeitigen Besitzer, Nachkommen der Gore-Booth.

Im Bericht über meinen Besuch dort habe ich 2003  unter anderem geschrieben:

Man wird sehen, was mit Lissadell House geschieht, habe ich am 3. Juli 2003 geschrieben. Inzwischen weiß man, was geschehen ist: Mitte August 2003 wurde das Haus an einen lieber anonym bleibenden Käufer verscherbelt. 3,5 Millionen Euro hat der arme Mensch bezahlt - der Republik Irland war's das Haus nicht wert.

In der Zwischenzeit ist der Käufer, vielmehr waren es zwei, nicht mehr anonym: Constance Cassidy und Eddie Walsh, beide Rechtsanwälte, die ihren Kindern ein angemessenes Heim bieten wollen, wie sie sagen.

Außerdem zeigen sie den beträchtlichen Unternehmungsgeist, den sie auch brauchen werden, um  aus Lissadell House zumindest einen Abglanz dessen zu machen, was es einstmals war: ein eindrucksvolles, wenn auch nicht gerade schönes Gebäude inmitten prachtvoller Gartenanlagen. Bei der Versteigerung des Hauses und seines Inhaltes haben sie auch einen Großteil des Inventars erstanden, u. a. jenen ausgestopften Eisbären, den Sir Henry Gore-Booth von einer seiner Expeditionen in die Arktis mitbrachte. Dies sei, auf den Preis anspielend, den er bei der Auktion bezahlte, der teuerste Eisbär in ganz Irland, sagt der neue Hausherr; dabei verschweigt die Geschichte schamhaft, ob der Bär überhaupt von Sir Henry geschossen wurde. Böse Zungen behaupten hartnäckig, er sei von seinem Butler Kilgallon erlegt worden.

Nicht bekommen haben sie bei der Versteigerung das Gemälde von Sarah Purser, das Constance und Eva Gore-Booth in ihrer Kindheit zeigt und das viele Jahre im Speisesaal hing, wo es von den neugierigen Besuchern besichtigt werden konnte. Das Bild hat mit 200.000 Euro den vierfachen Schätzwert gekostet, ein Preis, der den neuen Eigentümern (auch keine Armen) das Gemälde wert war. Dieses Gemälde, frisch restauriert und vom Schmutz der letzten 100 Jahre befreit, kann man nun in Dublin im Merrion-Hotel betrachten. Wer an das Gedicht von Yeats denkt mit den Zeilen ….two girls in kimonos, both beautiful, one a gazelle …, hübsch sind die zwei Kinder, aber wie schön sie als junge Frauen sein werden, zeigt ein späteres Foto, aufgenommen bei der Einweihung eines Hauses.

Constance & Eva Gore-Booth

Wie auch immer, die Herrschaften haben seit dem Eigentumserwerb das Innere des Hauses ein wenig renoviert, haben zum Beispiel die Große Galerie neu ausmalen lassen und versuchen, den Mief jahrzehntelanger Vernachlässigung zu entfernen. Große Pläne haben sie sowohl für die Innenräume, als auch für die Außenanlagen. Das wird sicherlich eine gewaltige Aufgabe, denn ach, der große Teich vor der Südfront ist zu einer sumpfigen Wiese verkommen, auf der die Kühe weiden. Überwuchert von Efeu, verborgen hinter Rhododendronbüschen sind auch die Mauern und Wege durch den einstigen Garten. Überwuchert sind auch die Beete selbst, in denen einst alpine Pflanzen wuchsen, von den zahlreichen Gärtnern gehätschelt. Nur wenige seltene Blumen (soweit sie für mich als solche zu erkennen wären) findet man noch im Gestrüpp, wird behauptet. Und vom so genannten Oberen Garten, einem der Victorian Walled Gardens, wie man sie zum Beispiel auch bei der Kylemore Abbey besuchen kann, sieht man als Besucher überhaupt nichts. Auch die neuen Eigentümer haben bloß die Fundamente der Glashäuser gefunden, in denen einst allein 78 Arten von Narzissen gezogen wurden.

Lissadell House war über den Winter wegen der Renovierungsarbeiten geschlossen. Am 1. Juni 2004 hat es wieder seine Pforten geöffnet und kann täglich von 10-13 und von 14-17 Uhr besichtigt werden (bis 12. September) – gegen Obolus, mit Führung. Ohne beides sind die einstigen Gartenanlagen zugänglich, vor allem aber der weite und schöne Sandstrand mit Blick auf die Halbinsel von Rosses Point, auf Coney Island und den Berg Knocknarea. An klaren Tagen sieht man im Dunst auch den Downpatrick Head jenseits der Sligo Bay.

Nach der Besichtigung (in sozusagen kleinem Kreis), die Wiedereröffnung hat sich, scheint es, noch nicht herumgesprochen, und das Interesse der Reiseveranstalter an Lissadell House ist auch noch nicht erwacht (vielleicht sollten die neuen Eigentümer eine geschäftstüchtige Nonne aus Kylemore einstellen), wandere ich den langen Strand entlang, denn siehe, der leichte Nieselregen hat aufgehört und es scheint so, als würden die Wolken aufreißen. So ist es dann auch, bei wolkigem Wetter absolviere ich meinen Spaziergang entlang des Sandstrandes, bis in die Nähe von Ardtermon Castle, wo übrigens die Gore-Booth wohnten, ehe sie sich im 19. Jahrhundert ein dem damaligen Stil entsprechendes neues Heim bauen ließen.

Den Abend verbringe ich in Rosses Point, nicht mehr im B&B Saniúd, sondern im Greenland Caravan and Camping Park nahe beim Yeats County Hotel.

Dort setze ich mich in die Halle vor der Bar und schaue mir das Treiben an - nicht der Rede wert. Von meinem Platz aus blicke ich zur Rezeption hinüber, zu dem blutjungen Mädchen, das geschäftig mit Papier wedelt und irgendwelche Schreiben scheinbar von einem Haufen auf einen anderen stapelt. Jedes Jahr, wenn ich aufs Neue vorbeikomme, sehe ich andere Gesichter, die mir neu sind. Nicht weil ich die Menschen, die ich voriges Jahr gesehen habe, schon vergessen habe, sondern weil das Personal offenbar alle Augenblicke wechselt.

Von den vielen Mädchen, die abwechselnd am Empfang Dienst machen, ist mir eines besonders in Erinnerung geblieben: Yvonne, dunkelhaarig, zierlich, ca. 30 Jahre alt. Sie ist noch immer im Hotel beschäftigt und sie, die ich größer in Erinnerung habe, erkennt mich sogar am Abend und begrüßt mich mit „Back again?“, was eine eigentlich recht seltsame Bemerkung ist einem Touristen gegenüber, der alle Jahre wiederkommt.   Gemeinsam mit den anderen Angestellten war sie im alten Teil des Hotels in einem Mehrbettzimmer untergebracht. Ein Auto besaß sie nicht, wie sie mir erzählte.  Sie stammte nicht aus Rosses Point, aber ich fragte nie, woher sie komme. Wozu auch? 

Ein mieses Leben, mit 30 Jahren mit anderen Frauen gemeinsam wie in einer Art Kaserne zu wohnen und einen Wechseldienst zu absolvieren. Wahrscheinlich war sie froh über dieses Leben, weil sich für sie nichts anderes bot. Aber das denke ich mir bloß, denn ich stellte diese Frage nie. Was wohl hätte sie mir schon sagen sollen, mir, dem Fremden? Und was immer sie mir geantwortet hätte, wie hätte ich wissen können, ob Yvonne mir die Wahrheit sagte oder bloß eine Geschichte, unbesorgt, weil ich sie ja nicht nachprüfen konnte?

Dabei bin ich ein neugieriger Mensch. Die Lebensumstände  fremder Menschen interessieren mich mehr als alles andere. Das werde ich mir in Wien denken, wenn ich mir  im Schweizer Fernsehen eine Serie über Hongkong ansehe, in der in 2 oder 3 Episoden Einblick in die privaten Lebensverhältnisse durchschnittlicher Menschen bieten.

Den alten Mann in einer Holzbaracke auf dem Dach eines Hochhauses in Kowloon werde ich lange nicht vergessen, der einsam vor sich hin lebt und nur eine rote Katze als Gefährtin hat. Trost und Lebenszweck ist sie ihm, sagt er. Aber auch die alte Frau in einem Altersheim werde ich nicht vergessen, die in einem schäbigen Zimmer mit 4 anderen Frauen lebt und über ein Bett verfügt und über einen kleinen Wandschrank für ihre persönlichen Habseligkeiten. Bedrückend sieht das aus, wenn man es im weichen Fauteuil als Geschichte aus einer fernen Stadt anschaut.

Meine Mutter und all die anderen im Altersheim in Lainz in Wien untergebrachten Frauen und Männer, verfügten sie über mehr? Aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen möchte.

Und Yvonne? Seit Jahren schon ist sie nicht mehr im Hotel beschäftigt; als ich einmal nach ihr fragte, konnte sich auch die älteste Angestellte nicht an sie erinnern - sagte sie.

Was wohl aus Yvonne geworden ist, mit der ich vielleicht zehnmal geredet habe?

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Erstellt am 25. Juni 2004

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