Von Brest und von Kalvarienbergen

 26. Mai 2001

   Am Morgen nieselt es leicht. Nach dem obligaten Besuch der Tankstelle bei E. Leclerc mache ich mich auf den Weg nach Landerneau. Es ist nicht weit, 15 Kilometer.  Diesmal habe ich es einfach. Ich brauche beim mir schon bekannten Kreisverkehr nur die Ausfahrt nach Osten nehmen. Heute keine Irrfahrten, hoffe ich.
   In Landerneau hat das Nieseln aufgehört; statt dessen regnet es. Am Fluss Elorn finde ich leicht einen freien Parkplatz, gehe über die Rohan-Brücke aufs andere Ufer. Die Brücke steht seit dem Mittelalter und hält noch immer. Mehr noch, wie den Prospekten zu entnehmen ist, Landerneau ist ganz stolz auf sie, ist sie doch die einzige Brücke in Europa mit Häusern, die ganztägig bewohnt sind. Das hebt sie aus den vergleichbaren gewöhnlichen Brücken, wie der Rialto-Brücke in Venedig heraus, meint man in Landerneau. Es ist halt jeder auf etwas anderes stolz. Die Brücke zu überqueren, ist aus zwei Gründen sinnvoll: einerseits befindet sich der Großteil der sehenswerten Altstadt auf dem anderen Ufer, entlang und hinter dem Quai de Léon, und zweitens ist heute Markttag. Ich Landratte vermehre meine Kenntnisse über seltsame und unappetliche Viecher, die in Frankreich aus dem Meer herausgeholt und offenbar gegessen werden, ungemein. Was sich weniger vermehrt, ist mein Appetit. Zum Trost kann ich mich an den Gemüseständen satt sehen, wo jeder Apfel einzeln geputzt wird und entsprechend glänzt.
   Dennoch halte ich mich im Regen nicht allzu lange im Freien auf; auf der nächsten Brücke flussabwärts überquere ich den Elorn, starte den Motor und mache mich auf zum Besuch verschiedener Kalvarienberge, die in der Gegend zu finden sind.
   Kalvarienberge sind einer der Gründe dafür, dass ich in der Bretagne zu finden bin. Um genau zu sein, die Kalvarienberge sind nur ein Teil eines mit einer Mauer eingezäunten Bereichs um eine Kirche. In der Mauer eine Pforte, vielfach prächtig ausgestaltet, manche, wie in Le Martyre, sogar begehbar, ein richtiges Triumphtor. Innerhalb der Mauer dann der Friedhof, räumlich klein, sodass die Toten nur einige Jahre - bis zur Entfleischung - in ihren Gräbern ruhen konnten. Dann wurden die Gebeine entnommen und eine andere Leiche beigesetzt. Die Gebeine fanden ihre Ruhestätte, säuberlich geordnet und geschlichtet, im Beinhaus, einem vielfach prächtig ausgestalteten Gebäude innerhalb der Mauer. Und gegenüber dieses Mahnmals menschlicher Vergänglichkeit dann der eigentliche Kalvarienberg: Das Kreuz mit der Christusfigur, vielfach umgeben von einer Vielzahl symbolischer Figuren, denen manchmal durchaus individuelle Züge eigen sind. Die Szenen, die dargestellt sind, versteht ein jeder, die Pracht und der Aufwand, der da getrieben wird in der plastischen Gestaltung, beeindruckt auch jeden. So sollte es auch sein, denn diese Darstellungen bezweckten ganz einfach, Pluspunkte im Kampf um die durch den Protestantismus gefährdeten Seelen der Gläubigen zu sammeln. Mit anderen Worten: durch die prunkvolle Gestaltung und die für jedermann verständliche Aussage sollte den Gläubigen klargemacht werden, dass die allein selig machende Kirche eben die katholische Kirche ist und nicht der Protestantismus. Daher stammen diese Darstellungen auch allesamt aus dem frühen 17. Jahrhundert, als die katholische Kirche in Frankreich gegen protestantische Sekten kämpfte: mit friedlichen, wenn auch teuren Mitteln, welche die Gläubigen bezahlen durften, und mit weniger friedlichen Mitteln, mit Ketzerverbrennungen und grausamer Folter.
   Calvaires findet man auch in der Bretagne nicht überall; konzentriert sind sie auf einen relativ kleinen Teil der Provinz, eben auf die Gegend von Landerneau. 
   Ich beginne meine Tour de Calvaires mit einem Besuch des Ortes Pencran. Dort steht ein bescheidener Calvaire, keine Figurengruppen mit Szenen aus dem Leben Christi, sondern 3 Kreuze mit Jesus und den beiden Schächtern, zu denen die steinerne Figur der Magdalena aufschaut. Und die verwitterten Halbreliefs der Eingangspforte zur Kirche sind auch nach 500 Jahren Regen und schlechtem Wetter noch schön anzusehen. Ansonsten ist Pencran ein gottverlassenes Nest, das man schnell wieder verlässt.
   Gut tut man daran, denn einige Kilometer weiter lockt ein schon beträchtlich umfangreicheres und pompöseres Kunstwerk: der enclos parossial der Ortschaft Le Martyre. Hier findet sich kein eigentlicher Calvaire, statt dessen ist die Eingangspforte zum besteigbaren und begehbaren Triumphtor gestaltet, mit den drei Gekreuzigten obenauf, vor dem Kreuz mit dem Laib Christi die trauernde Maria mit den Aposteln. 
   Leider regnet es in Le Martyre und das trübe Wetter lässt die reiche plastische Gestaltung nicht zur Geltung kommen. Schwacher Trost ist der Besuch in der Kirche mit ihren bunt bemalten Querbalken mit biblischen Szenen. Und die Glasfenster lassen keine Unklarheiten über den grausamen Ablauf der Leidensgeschichte Jesu, in allen Einzelheiten, damit sie auch ein dumber Tor noch mitbekommt.
   Weiter geht es nach Lampaul-Guimilliau, wo das prächtige Triumphtor am Eindrücklichsten auf mich wirkt. Die Kirche selbst enthält eine Reihe von sehenswerten Einzelheiten, farbig bemalte Altäre mit biblischen Szenen und wiederum einen Triumphbalken quer über das Kirchenschiff mit den Figuren Marias und Johannes rechts und links eines Kruzifixes. Und hinten in der Kirche eine große, bunt bemalte Grablegungsgruppe und .... Aber besuchen Sie doch selbst Lampaul. Vielleicht haben Sie mehr Glück als ich, denn ach, das Wetter spielt nicht mit: der Regen ist lange schon kein Nieselregen mehr, es schüttet geradezu und Nebel fällt ein. Das ist kein Tag für Besichtigungen.
   Ich fahre über Landerneau nach Brest zurück. Da ich mich für die Schnellstraße von Morlaix nach Brest entscheide, fahre ich nördlich des Elorn und komme daher nicht bequem zu meinem Hotel, sondern mache mehr oder minder freiwillig eine Stadtrundfahrt. Ehrlich, es ist mehr eine Rundfahrt, denn von Brest ist wenig zu sehen. Dem Vernehmen nach, ich kann ja aus eigener Erfahrung wenig dazu beitragen, soll das kein großer Nachteil sein. So wie die Altstadt von St. Malo von den Amerikanern im 2. Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht wurde, haben sie es auch mit Brest gehalten: Vom alten Brest ist nichts mehr da. Das neue Brest soll (wie gesagt, ich sage nichts aus Eigenem) durchaus nicht sehenswert sein. Ein Aquarium haben sie allerdings mit pompösem Namen (Oceanopolis): wäre ich Kind oder hätte ich solches, an diesem Regentag wüsste ich, was ich unternehmen könnte. Aber so ....
   Statt dessen kehre ich gegen Mittag ins Hotel zurück und hadere mit dem Wettergott. Wirkungsvoll, denn gegen 14 Uhr hellt es auf, ja, es scheint, als wolle die Sonne hinter den Wolken hervorkommen. 
   So fahre ich zunächst nach LeFaou, an die dreißig Kilometer südlich Brest und finde einen hübsch aussehenden Ort mit einigen Häusern aus dem Mittelalter und einer alten Kirche an einem Hafen ohne Wasser, da Ebbe. 
   Danach geht es zurück auf die Halbinsel Plougastel. Bis zur Pointe de Armorique fahre ich, weiter geht es nicht, da hört die Halbinsel auf. Als Lohn habe ich schöne Ausblicke auf Brest jenseits der Meeresbucht, in die der Fluss Elorn mündet. Die Aussicht ist ja schön, was ich sehe, nicht so aufregend. Ich beschließe, Brest auch weiterhin sozusagen links liegen zu lassen und mich anderswo umzusehen.
   An diesem Tag allerdings besichtige ich gar nichts mehr, kehre ins Hotel zurück und lese ein aus Österreich mitgebrachtes Buch, das ich anschließend wegwerfe. Ich habe schon Besseres gelesen, warum aufheben?

 

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Geändert am  12. März 2005
© Peter Lausch