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Langueux
20. Mai 2001
Wiederum ein
schöner Morgen. Allmählich wird mir das schöne Wetter unheimlich.
Hoffentlich bleibt es so. Nichts wäre schlimmer, als in Hotels wie dem
Formule1 bei schlechtem Wetter herumsitzen zu müssen. Immerhin habe ich
wenigstens - zum Unterschied von der 1. Klasse in St. Malo einen Sessel im
Zimmer, der den Namen verdient und ein Ecktischchen, auf das mehr
passt als ein Teller. Und: Freude über Freude, sogar ein Fenster hat das
Zimmer, das ich, da im ersten Stock gelegen, unbedenklich geöffnet
lassen kann. Damit Sie aber nicht glauben, das alles Gold ist, was da
glänzt: Toilette und Dusche sind auf dem Gang, dafür kostet der Spass in
der Vorsaison und am Wochenende für max. drei Leute nur FFR
120.-.
Doch was soll ich mir Gedanken machen über etwas, was
vielleicht gar nicht eintreten wird: schlechtes Wetter nämlich.
Um 8 Uhr morgens fahre ich daher los. Wiederum überquere ich
mehr als dass ich durch den Ort fahre, St. Brieuc und widerstehe der
Versuchung, in die Tiefe des Tals zu fahren und den eigentlichen Ort zu
besuchen. Ob ich viel versäume, indem ich mich schnöde verweigere? Die
Stadt wurde zwar bereits im 6. Jahrhundert von einem obligaten Heiligen
namens Brioc (wie denn auch sonst) gegründet und in der ebenso obligaten
Kathedrale könnte ich die kärglichen Knochenreste des Heiligen Wilhelm
besichtigen, indessen fehlt mir der Glaube an die Echtheit solcher
Reliquien allgemein und daher auch im konkreten Fall. Im Wesentlichen
schweigt sich auch mein Reiseführer aus. Indessen soll es ein
Geschichtsmuseum geben: ein geeigneter Ort, um dort einen Regentag zu
verbringen, lese ich im Reiseführer. Alternativ könnte ich das Bett
vorschlagen, tue es aber nicht im Ernst, von wegen Banause.
Statt dessen biege ich westlich von St. Brieuc rechts ab. Ich will
entlang der Cote Goëllo nach Nordwesten die Küste entlang fahren.
Binic lasse ich rechts liegen. An sich ein historisch
interessanter Ort: so wie die Malouins, als die
Tätigkeit als Flibustier verpönt wurde, sich auf Fahrten um das Kap Hoorn
spezialisierten, so
haben sich die Einwohner Binics auf eine andere, ganz spezielle Tätigkeit mit Höhepunkt im 19. Jahrhundert
gestürzt: an der Küste von
Neufundland und Labrador gingen sie auf Fischfang und fischten vor allem
nach Dorschen. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen.
Ich bleibe erst wieder in St. Quai-Portrieux stehen, beim
Plage de la Comtesse, die es im 19. Jahrhundert tatsächlich gab. Die Dame
hat in einer entsprechenden Villa auf einer kleinen Insel vor dem Strand
gewohnt und soll sich durch ein hervorragendes Mundwerk ausgezeichnet
haben. Auch soll sie es mit der christlichen Sittenlehre nicht ganz genau
genommen haben. Der Skandal ist längst Geschichte, der Komtesse tut kein
Knochen mehr weh, ihre Villa steht noch immer auf der Insel, die aber auch
keine echte Insel mehr ist, sondern bei Ebbe trockenen Fußes zu
erreichen. Das Ganze schaut recht hübsch aus und ist mir einen
Spaziergang im Sonnenschein auf weißem Sand durchaus wert. Nichts wert
ist mir eine Wanderung auf dem Zöllnerpfad entlang der Küste, von der
Insel der Komtesse aus um eine Landzunge mit Leuchtturm in den Ortsteil
St. Quai mit dem gleichnamigen Strand. Ich fahre statt dessen mit dem
Auto hin.
Neuerlicher Strandspaziergang, zum Wasser hin und wieder
zurück.
Über die Ortschaft Plouha weiß ich wirklich nichts zu sagen
als dass ich durchgefahren sein muss, denn sonst wäre ich nicht zum
Strand von Le Palus gekommen. Der ist wirklich schön und gefällt mir
sehr. In gewisser Hinsicht gleicht natürlich, damit wir uns nicht falsch
verstehen, ein jeder Sandstrand jedem anderen insofern, als man am Strand
viel Sand vorfindet. Dieser Strand ist jedoch hübsch in einer von Hügeln
umgebenen Bucht gelegen. Die Hügel sind um diese Jahreszeit üppig mit
gelb blühendem Ginster bewachsen, an einem Ende des Strandes der übliche
Bunker des Westwalls, am anderen aber ein romantisches Felslabyrinth.
Neben dem Bunker einige Gaststätten, die wegen mir allerdings um diese
Tageszeit nicht aufgemacht haben. Aber wenn sie geöffnet haben, muss es
schön sein, in der Sonne zu sitzen, ein Bier zu trinken und aufs Meer
hinauszusehen.
Was soll es? Man macht sich selbst zum Sklaven der Zeit in
Form eines Programms: so viel gäbe es zu sehen und so wenig Zeit nimmt
man sich. Den ganzen Tag könnte ich am Strand vertrödeln und schön
wäre es und tue es doch nicht. So Vieles lockt.
Auf die D786 zurückgekehrt, fahre ich indessen nicht weit,
biege auf eine Seitenstrasse zur Ortschaft Lanloup ab. Im Ort befindet sich
inmitten bunter Blumenbeete eine sehr schöne kleine Kirche aus dem 14.
Jahrhundert mit schönem Figurenschmuck vor dem Portal der Kirche und
einer Art kleinem Calvaire, dem ersten, den ich in der Bretagne sehe.
Christlich eingestimmt halte ich natürlich auchbei der nächsten
Sehenswürdigkeit an, der Abtei Beauport aus dem 13. Jahrhundert. Um
genau zu sein, die Ruinen sind aus dieser Zeit, denn längst schon ist
mehr von dieser einst mächtigen und daher reichen Prämonstratenserabtei
nicht übrig geblieben. Immerhin waren die Prämonstratenser so
weitsichtig, ihre Abtei unmittelbar an der heutigen Durchgangsstrasse zu
errichten.
Umso mehr ist ihnen
dafür zu danken, als unsere Vorfahren leider ihre Ganggräber, Dolmen,
Cairns und was auch immer in aller Regel in wirklich unwirtlichen Gegenden
errichteten. Das zwingt einem heutzutage dazu, zwischen Kühen und Schweinen, vor allem aber durch deren Hinterlassenschaften, über
Steinmauern und Zäune hinweg und weiters durch meist dornige Büsche
hindurch zu irgendwelchen nicht wirklich überzeugenden frühzeitlichen
oder auch nur mittelalterlichen Trümmern vorzudringen. Und manchmal sind
diese von den Reiseführern so gepriesenen Sehenswürdigkeiten von den
Vorfahren so gut versteckt worden, dass man sie nicht findet. Nicht jedes
Überbleibsel aus der Geschichte ist so groß wie die Abtei Beauport. Reiseführer,
in denen behauptet wird, dies und jenes sei z. B. fünf Kilometer östlich
von X. zu finden, soll man daher in der Buchhandlung sogleich wieder weglegen und ja nicht
kaufen.
Immerhin ist von der Abtei noch so viel erhalten, dass man
sich leicht orientieren kann. Vom Kirchenschiff sind noch die Wände da,
vom Kapitelsaal stehen noch einige Rundbögen und auch den Kreuzgang
findet man noch. Das ganze Ensemble wirkt gepflegt, ist aber nur zu
bestimmten Zeiten zu besichtigen - keinesfalls zur Morgenstunde, zu der
ich vorbeikomme. Indessen ist es ohnehin beinahe 11 Uhr vormittags, aber
die Hüter der Abtei sind erst ab 14 Uhr zugegen. Der Zaun ums Ganze ist
eher ein Zäunchen und leicht zu überwinden.
Auch Paimpol, wo ich anhalten möchte, hat seine
Spezialität: von hier aus fuhren die Fischer bis nach Island auf der
Suche nach Dorschen. Kein leichtes Leben. Zum Andenken an diese
Vergangenheit liegt im Hafen noch das letzte erhaltene Exemplar eines
Schiffes, mit dem die Fischer gegen Island fuhren, die Mad Atao.
Pierre Loti hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts den
Fischern ein literarisches Denkmal gesetzt: "Die Islandfischer".
Paimpol wäre sicher hübsch, indessen dort, wo ich stehen bleiben will,
finde ich keinen Parkplatz, sodass ich weiterfahre und erst wieder in
Tréguir anhalte.
Dort scheint sich das Parkplatzspiel zu wiederholen. Am Ufer
des Jaudy-Flusses reiht sich beim Hafen Auto an Auto und dort wo kein Auto
steht, steht dafür ein Ringelspiel. In den Seitengassen wäre Platz für
mein Auto, indessen die Seitengassen sind alle mit Barrieren abgesperrt.
In einer Reihe Gleichgesinnter fahre ich das Flussufer entlang, links die
für mich unerreichbare Stadt, die ich eigentlich besichtigen möchte.
Schließlich komme ich nach Passieren eines Kreisverkehrs, zu einem
Boulevard mit langem Namen, fahre die ansteigende Strasse hinauf, sehe
eine Seitenstrasse Richtung Stadt, biege ab und - da ist er
schon, der freie Parkplatz. Schöne Aussicht habe ich: Stadteinwärts ein
Kloster und dahinter die übliche Kathedrale, links unten ein Flusstal,
dessen Ufer hübsch bewaldet sind und vor mir ein Park mit schön
geschnittenen Hecken. Zwischen den Hecken steht ein Herr in schwarzem
Anzug und schwarzer Krawatte, schaut in den blauen Himmel auf und murmelt
vor sich hin. Seltsam.
Ich lass´ ihn murmeln, soll jeder nach seiner Façon selig
werden, heißt es bei uns in Wien, wenn wir uns keine Probleme aufhalsen
wollen. Ich gehe durch ein großes Tor in die Stadt hinein. Viele Leute
sind auf den Strassen zu sehen, alle schauen sie irgendwie schief und aus
Lautsprechern klingt blechern seltsame Musik. So etwas soll es früher im
Albanien Enver Hodschas auch gegeben haben. Wo bin ich denn da hingeraten?
Beim Weitergehen, ich muss um die Kirche herumgehen, hört
die Musik auf und ein Herr beginnt blechern und unverständlich
salbungsvoll zu reden, ohne dass ihm irgendwer von den Passanten
zuzuhören scheint. Auf dem Hauptplatz Menschengewimmel, kein Wunder, ist
der halbe Platz abgesperrt. Ich schlage mich auf der Suche nach dem
Wohnhaus Ernest Renans in eine Seitengasse. Dort befindet sich auch ein
Museum zur Erinnerung an den großen Schriftsteller, der sich mit seinem
"Leben Jesu" nicht nur Freunde unter den Vertretern der Heiligen
Kirche zugezogen hat.
Leider ist auch in der Seitengasse kein Weiterkommen. Sie ist
zwar hübsch geschmückt mit gelben Blumensträußen an den Hauswänden,
aber mir kommen ganze Scharen schief (oder ernst?) blickender Leute
entgegen, die mich eher locker gekleideten Touristen schief anschauen.
Oder bilde ich mir das alles nur ein? Über dem ganzen liegt so eine
irgendwie dumpfe Stimmung, man hört keinen Menschen lachen. Vor einem
Behelfsaltar in einer Mauernische stehen Leute und schauen - schief. Es
ist ein Jammer.
Das Geburtshaus Renans finde ich nicht, Wegweiser gibt es
keinen und Stadtplan habe ich nicht. Ich finde nur ein eher mickriges
Gässchen mit dem schönen Namen Rue Ernest Renan. Irgendwie erinnert mich
das an die "Papst Johannes XXIII.-Strasse" in Wien, einen
geteerten Waldweg am Stadtrand von Wien neben einem Heim für
verhaltensgestörte Kinder.
An ein paar Fachwerkhäusern vorbei gehe ich auf Umwegen
zurück zum Hauptplatz mit seiner gotischen Kirche, aus der zur
Abwechslung wiederum blecherne Musik schallt und spaziere zum Auto
zurück. Erst beim Lesen des Reiseführers wird mir die Ursache für das
seltsame Gehaben der Leute klar: Am 19. Mai 1303 starb der Landgeistliche Yves,
der sich als weiser und gnädiger Richter einen Namen machte, bis es ihm
reichte und er nicht mehr wollte. Anstatt sich auszuruhen, unternahm er
eine anstrengende Pilgerfahrt, verkühlte sich und starb, eben am 19. Mai.
Die Heilige Kirche zierte sich 30 Jahre lang, ehe sie Yves zum Heiligen
machte - seither ist er angeblich der Patron der Juristen und zu den
entsprechenden Feierlichkeiten kommen viele bedeutende Juristen aus ganz
Frankreich zusammen - waren das die schief dreinblickenden Leute? So lange
man lebt, lernt man, heißt es: Jurist bin ich zwar auch, aber vom Hl.
Yves habe ich erst zehn Tage vor meinem Übertritt in den Ruhestand
vernommen. Immerhin.
Weiter geht es nach Plougrescant, einem bei seinen Einwohnern
sicher bekannten Ort, von dem mir aber nichts weiter in Erinnerung
geblieben ist als ein Kirchturm mit einer vom Blitz geknickten Turmspitze
aus Blech - und seit dem Jahr 1612 haben sich die Einwohner so sehr an den
Knick gewöhnt, dass sie ihn bis heute nicht repariert haben. So kommen
denn von weither die Fremden und machen mindestens ein Foto. So macht es
auch ein gewisser Lausch, indessen war's das 37. Dia auf einem 36er-Film und
wurde beim Entwickeln verdorben.
Von dieser Sehenswürdigkeit aus ist es nicht weit zum
Postkartenmotiv Nr. 1 der Bretagne, einem zwischen zwei Felsen gebauten
Haus auf einer Halbinsel. Diesem Anblick kann ich ebenso wenig widerstehen
wie viele andere seit Jahrzehnten. Auch heute ist es nicht anders, der
Parkplatz ist gut besucht. Ich komme auch zum richtigen Zeitpunkt: die
landeinwärts gerichtete Hausfront, die man sieht, ist am Nachmittag von
der Sonne beschienen.
Ich gehe noch zum Aussichtspunkt La Gouffre, schau aufs Meer
hinaus. lass mir die Sonne ins Gesicht scheinen und beschließe, für
heute habe ich genug gesehen.
Auf Seitenstrassen fahre ich nach Langueux zurück.
Abendessen frugal in einem Steakhaus neben dem Hotel.
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