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Pont-Aven
28.
Mai 2001
Pont-Aven
mag ja auch heute noch ein kleiner Ort sein, in der Geschichte der
modernen Malerei spielt er eine große Rolle. Mitte des 19. Jahrhunderts
zogen sich Maler und Möchtegernmaler, die vom akademischen Kunstbetrieb
in Paris genug hatten - und obendrein noch wenig Geld - hierher, in die
damals tiefste Provinz zurück, um jene Bilder zu malen, die sie, frei
von den Zwängen der offiziellen Kunst, malen wollten. Paradiesische
Zustände herrschten damals in Pont-Aven. Wo sonst hätte es
Zimmervermieterinnen gegeben, die bereitwillig auf die Bezahlung der
Unterkunft warteten, bis der Herr Maler wieder einmal ein wenig Geld erübrigen
konnte? Mindestens zwei dieser engelhaften Wesen gab es in Pont-Aven:
Madame Gloanec und Madame Guillou, die beide kleine Pensionen betrieben.
Zu den damals weithin unbekannten Malern stieß 1886 einer,
der auch unbekannt war, aber es nicht bleiben sollte: Paul Gauguin.
Gemeinsam schufen sie einen Malstil, der für die Schule von Pont-Aven
charakteristisch wird: bunte, satte Farben, die Figuren dunkel
konturiert. In diesem Stil hat Gauguin einige Bilder gemalt, die selbst
sarkastische Menschen wie mich auf Anhieb faszinieren. Jedes dieser
Bilder ist heute ein Vermögen wert, aber wie es so war mit der Kunst im
19. Jahrhundert, leben konnte Gauguin vom Erlös der wenigen, verkauften
Bilder nicht. Daher war sein Aufenthalt in Pont-Aven nur kurz: nach 3
Jahren zog Gauguin ins nahe Le Pouldu, weil ihm der Aufenthalt in
Pont-Aven zu teuer kam.
Pont-Aven ist auch heute noch ein wirklich hübsches Städtchen,
mit einem zauberhaften Hafen und einigen Gassen, die wie verzaubert
wirken. Tagsüber herrscht Geschäftigkeit. Pont-Aven seht im Reiseplan
der Autobusunternehmen und der Individualreisenden. Jeder will
wenigstens eine Ansichtskarte in der Buchhandlung bei der Brücke über
den Elorn kaufen, an der Stelle, an der Gauguin im Obergeschoss des
damals dort stehenden Hauses wohnte. Und jeder geht durch die wenigen
Strassen und schaut sich die Gemälde an, die von heutigen Epigonen im
Stil der Schule von Pont-Aven gemalt und offenkundig auch zu erträglichen
Preisen verkauft werden. Bunt sind sie halt, die Bilder, hübsch in den
Farben, aber in wenigen Variationen immer dieselben Standardsujets. Eine
Klasse höher als das, was bei uns im Winter in den Eissalons verkauft
wird, aber auch eine Preisklasse höher. Richtet man sich indessen ein
Haus neu ein und sucht etwas, damit die Wände nicht gar so kahl wirken,
in Pont-Aven wird man fündig werden und eine Weile kann man dann die Wände
daheim wohl auch tatsächlich ansehen, ohne dass einem graut. Mag man
indessen keine Gemälde, anderes gibt es auch zu kaufen: allerlei
Sextanten, allerlei Seekarten, allerlei aus Messing mit angeblich
maritimen Charakter, ich kenne mich da nicht so aus. Und sollte Ihnen
auch danach nicht der Sinn stehen, Galettes sind immer gut, Kekse auf
bretonische Art. Wahr ist, diese Kekse bekommen sie überall zu gleichem
Preis und wohl auch gleichem Geschmack. Aber in Pont-Aven bekommen sie
die Kekse in allerlei Dosen und Blechschachteln verpackt, auf denen
Bilder im Stil der Schule von Pont-Aven aufgedruckt sind. Hat man
die Schachteln leer gegessen, kann man sie zweckentfremdet weiter
verwenden. Rechnungen drinnen aufbewahren, Telefonwertkarten,
Manschettenknöpfe, Nähseide etc. Ist doch was, oder?
Nach 18 Uhr senkt sich Stille über den Ort. Die Galerien
halten auch länger geöffnet, aber nur mehr der Form halber. Die
Tagestouristen sind in ihre Quartiere gefahren, nur einige wenige essen
noch in den paar Lokalen beim Bootshafen am Ufer des Elorn.
Ich tue es ihnen gleich. Das Essen ist nicht besser und
nicht schlechter als anderswo, aber die Aussicht auf den Fluss und die
verankerten Boote, während die Schatten länger werden, ist schön und
den Essenspreis allemal wert.
Oberhalb des Ortes finde ich einen großen Parkplatz,
stelle mich mit gebührendem Respektabstand zu zwei Wohnmobilen auf und
gehe noch eine Weile spazieren, ehe ich im Auto die Nacht verschlafe.
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