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23. Mai2001 Penvern Irgendwann werde ich wach, öffne noch im Liegen den Zippverschluss des Zelteinganges, der Wind lässt die Seitenklappen flattern und von denen fällt ein Schwall kalten Kondenswassers auf mein Gesicht herab. Das macht munter. Als Belohnung darf ich zum sternklaren Himmel emporblicken und mich entscheiden, was von den beiden Ereignissen ich als Omen für den Tag auswähle. Ich entscheide mich für den sternklaren Himmel. Danach schließe ich wieder die Zeltklappe und schlafe noch eine Weile, bis ich in der Dämmerung wiederum erwache. Still ist es auf dem Campingplatz, still und einsam. Im Osten rötet sich der wolkenlose Himmel, auf dem die Sterne verblasst sind. Es ist halb 6 Uhr morgens. Am Abend habe ich noch die Gattin des Verwalters gefragt, ob denn der Schranken bei der Einfahrt in der Nacht geschlossen werde. Aus der Antwort auf französisch habe ich nichts Eindeutiges entnehmen können, aber wenigstens hat sie mir kein Bier angeboten wie ihr Gatte am Nachmittag. Der Schranken ist jedenfalls oben. Ich baue mein Zelt ab, so sagt man in einschlägigen Kreisen, glaube ich. Da liegt es jetzt, außen und innen patschnass, in der taufeuchten Wiese. Ich weiß, man soll ein Zelt nur trocken verpacken, aber was soll es? Ich rolle es halt noch nass zusammen, mehrmals, bis es endlich in die kleine Packtasche passt. Ach ja, die Heringe, die ich gestern eingeschlagen habe, ziehe ich mit einem Gerät wieder aus dem Boden, das ich mangels besseren Ausdrucks Auszieher nennen will. Den haben sie mir im Sportgeschäft aufgeschwatzt. Jetzt bin ich dem Aufschwätzer dankbar. Im Stehen esse ich ein kärgliches Frühstück: Banane mit heißem Nescafè, packe anschließend alles ins Auto, vermeide, die Türen zuzuknallen - die Franzosen im Wohnwagen gegenüber schlafen ja noch. Tun sie aber nicht, die Französin wenigstens nicht. Zerrauft und zerknüllt erscheint sie mit einem Kübel mit den Produkten der Nacht und wandert damit zum Sanitärhäuschen. Campen hat eine Reihe von Aspekten, über die man gemeinhin nicht redet. Da kurz darauf auch der Herr des Wohnwagens erscheint, samt Schäferhund, den es ins Freie drängt, brauche ich ja auf deren Schlaf keine Rücksicht mehr nehmen, starte das Auto und verlasse die gastliche Stätte noch vor sieben Uhr morgens. Richtung Lannion fahre ich auf einer kleinen Nebenstrasse, biege wiederum auf die D786 nach Westen ab und würde jetzt am Morgen und im zweiten Anlauf die Abzweigung nach Schloss Rosanbo klaglos finden. In St. Michel en Grève halte ich an, versuche, die hübsche Kirche zu fotografieren, doch ich schaffe kein Bild ohne mehrere Autos im Vordergrund und lasse es bleiben. Ein Ehepaar aus der Schweiz treffe ich, alle drei stellen wir fest, dass die Bretonen Langschläfer sind und dass uns Sonogno im Tessin ganz besonders gefällt. Außer der Kirche gibt es in dem kleinen Ort nichts zu sehen. Einen Bäcker müsste es schon geben, aber ich finde ihn nicht. Hungrig fahre ich daher bis Loquirec weiter, in dem ich, weil mir der Ort nicht zusagt, nicht anhalte. Und in St. Jean-du-Doigt lasse ich mir die Gelegenheit entgehen, ein Stück Finger vom Johannes dem Täufer anzusehen, welches sie in der dortigen Kirche aufbewahren. Sprichwörter und Zitate gibt es für alle möglichen Anlässe. Sagt man nicht: Der Glaube kann Berge versetzen? Und sagt man nicht auch, ohne jeden Zusammenhang natürlich, auch Verschiedenes über die Leute, denen das Himmelreich sicher ist? Da die Kirche abgeschlossen ist, bleibt es beim Anblick der beiden Beinhäuser, die auch abgeschlossen sind. Nicht abgeschlossen ist die Triumphpforte, denn sie hat kein Tor, das geschlossen werden könnte. Durch Plougastel fahre ich durch, halte erst wieder in Primel-Trègastel am Strand an, besuche den Pointe de Primel, einen ansehnlichen Felshaufen, von dem aus ich einen schönen Blick bis nach St. Pol de Leon und nach Roscoff im Westen habe. Cairn de Barnenez Der Küste entlang fahre ich sodann, der Karte nach und komme gegen elf Uhr zum Cairn de Barnenez. Dort halte ich. Den Cairn lasse ich mir nicht entgehen. Der Cairn ist ein bronzezeitlicher Steinhaufen, in dem sich mindestens ein Megalithgrab, wahrscheinlich jedoch mehrere, verbirgt. Auf einer Länge von 70 Metern und mit einer Breite von bis zu 15 Metern finden sich die runden Grabkammern aus mannshohen Steinen und mit einem Durchmesser bis zu zwei Metern, mit der Außenwelt durch jeweils einen entsprechend langen Gang (bis 12 Meter lang) verbunden. Das Ganze ist in zwei Etappen errichtet worden, deutlich erkennbar an den unterschiedlich gefärbten Steinen, die von verschiedenen Steinbrüchen stammen. Diese Grabkammern wurden sodann bis zu einer Höhe von 8 Metern über dem heutigen Boden mit Steinen überdeckt. Errichtet wurde der ältere Teil etwa 4.500 Jahre vor Christus, der jüngere einige hundert Jahre später. Was man heute sehen kann, ist nicht das, was die Menschen der Vorzeit hinterlassen haben. Anfangs der 50er-Jahre hat ein Bretone den Steinhaufen, der inzwischen von Erde bedeckt war, als Baumaterial beurteilt und mit dem Abbau begonnen. Dabei wurde mindestens 1 Grabkammer an der Nordseite beschädigt, ehe man das Treiben unterbinden konnte. In der Folge wurde der Cairn archäologisch untersucht; man hat nicht viel gefunden. Ob im Cairn wirklich 11 Fürsten begraben wurden, ob die 11 Kammern überhaupt Grabkammern sind, ist umstritten. Gefunden hat man außer Tonscherben nahezu nichts. Cairns gibt es auch anderswo, in Irland etwa, aber auch in England. In manchen haben sich Skelettreste gefunden, aber es schaut so aus, als wären die Toten dort nicht eigentlich bestattet worden, sondern als habe man eine größere oder kleinere Anzahl von entfleischten Skeletten aus ihren ursprünglichen Grabstätten ausgegraben und in den Cairns gemeinsam beigesetzt. Soweit feststellbar, sind auch nicht immer ganze Skelette beigesetzt worden, manchmal fehlen Teile der Skelette. Dass die Dolmen und Cairns Grabstätten sind, liegt unserem Verständnis nahe. Was wir so gar nicht wissen, ist, warum sich die Menschen der Vorzeit im Westen Europas solche Mühe machten, so aufwendige Anlagen zu errichten: wer den Cairn von Barnenez gesehen hat, die vielen Steine, mit denen die Kammern überdeckt wurden, wer bedenkt, dass jeder einzelne Stein einige Kilometer weit herbeigeschafft werden mussten, sieht ohne Zweifel, dass solche Cairns Ergebnis vermutlich langjähriger Bemühungen ganze Bevölkerungsgruppen sind. Von ihnen wissen wir rein gar nichts: wir kennen nicht die Sprache, die Volkszugehörigkeit, die Herkunft, die religiösen Überzeugungen. Welche Überlegung liegt der Auswahl gerade dieses Platzes, auf einem an sich unbedeutendem Hügel zugrunde, welche der Anlage der Kammern mit ihren nach Süden ausgerichteten Zugängen? Der Cairn von Barnenez ist eine eindrucksvolle Anlage, einen Besuch unbedingt wert. Der Besuch kostet etwas. Dafür bekommt man, so Kulturmensch, eine Führung, wenn nicht, ein kopiertes Merkblatt in Deutsch bzw. Englisch in die Hand gedrückt. Mich mustert die Kassiererin kurz und händigt mir wortlos das Merkblatt in Deutsch aus: Barbaren wie mich erkennt man gleich. Gegen Mittag lichtet sich der inzwischen eingefallene Nebel und bei klarem blauen Himmel fahre ich nach Morlaix, besichtige die Stadt vom Auto aus, was leicht fällt, denn die Zufahrtsstrasse führt entlang des einen Ufers des Flusses Dossen bis praktisch ins Stadtzentrum, und nach Flussüberquerung auf der anderen Seite wiederum nach Norden Richtung Carantec. Ihr folge ich. Carantec Carantec ist ein hübscher Ort. Vom Strand von Kelenn aus wandere ich auf einem schönen Zöllnerpfad nach Westen, komme von einem Strand zum nächsten und ganz besonders schön ist der Strand Le Gréve Blanche mit hübschen Häusern auf der Landseite und ebenso hübschen Felsen mitten auf dem Strand - bei Ebbe natürlich, ansonsten mitten im Wasser. Die Landspitze umrundet, sehe ich endlich auch die Strasse, die vom Plage du Port auf die vorgelagerte Ile Callot hinüber führt, einen weiten Sand- und Kieselstreifen überquerend, der bei Flut unter Wasser stehen soll. Route submersible heisst es im Reiseführer. Der Plage du Port ist nicht groß, umso größer der Sand- und Kiesstreifen davor. In einer Bar am Strand setze ich mich hin und esse einen Fisch, nachdem ich in der Speisekarte auf etwas gezeigt habe, was gut klingt. Fischfilet mit Gemüse ist es, was die Kellnerin serviert. Dabei habe ich immer die Ile Callot vor der Nase, baumbestanden, ein kleiner Ort samt Kirche, weil Kirchturm sichtbar. Trockenen Fußes könnte ich hinübergehen, doch ich entscheide, ich will hinüberfahren wie andere es auch tun, denen ich während des Wartens auf den Fisch zusehe. Unverzüglich eile ich beschleunigten Schrittes danach zum Auto zurück, denn am späten Nachmittag kommt gemeinhin die Flut, fahre sodann den einen Kilometer zur Insel hinüber. Die Insel ist recht hübsch anzusehen, die Kirche ist eine Wallfahrtskirche, doch findet die nächste Wallfahrt erst am 15. August statt. Es sind aber dennoch etliche Ausflügler mit ihren Autos herüber gefahren, so wie ich. Nach 14 Uhr fällt mir auf, dass bedeutend weniger Autos geparkt sind als bei meiner Ankunft. Ich fahre zur Südküste der Insel zurück und siehe da, der ach so breite Sand- und Kiesstreifen ist bedeutend schmäler geworden und die ersten Wellen sind der Strasse schon recht nahe gekommen. Obgleich ich doch mein ganzes Gepäck ohnehin im Kofferraum mit mir führe, will ich gerne zum Festland. Ich schaffe es gerade noch, ehe die erste Welle die Zufahrtsstrasse überspült. Ich bin bei Gott nicht der Letzte, der herüber kommt. Auf dem Plage du Port stehen die Ausflügler, die es geschafft haben und schauen interessiert zu, wie drüben auf der Insel immer noch ein weiterer Autofahrer die Strasse unter die Räder nimmt, dass es richtig spritzt. Der letzte, der es schafft, ist der Fahrer eines Lieferwagens, der mit schäumender Bugwelle durch die Fluten pflügt und voll Begeisterung lacht, als er glücklich auf dem Festland ankommt. Nur nebenbei: die Einheimischen versuchen danach erst gar nicht den Weg über die Strasse, sondern fahren eine Art Schleichweg über den Kiesstreifen, der als letzter von der Flut überspült wird. Den Rest des Nachmittags verbringe ich faul am Strand in der Sonne sitzend und gehe gegen Abend eine Weile im Ort spazieren. Danach fahre ich zum Strand von Kelenn, denn dort möchte ich auf einem großen Parkplatz die Nacht verbringen. Daraus wird indessen nichts: auf dem Parkplatz versammeln sich gegen Abend anscheinend sämtliche Mopedfahrer Carantecs und Umgebung, fahren mit ihren Gefährten knatternd im Kreis und schauen neugierig zu dem Ausländer herüber, der mit seinem Auto ihre Kreise stört. Als zusätzlich auch noch die betuchte Gesellschaft Carantecs in ihren Autos vorfährt und in den Restaurants am Strand endlos zu Abend speist und sich auch gegen 22 Uhr nicht anschickt, zu verschwinden, die Mopedfahrer auch nicht weniger werden, da beschließe ich, dass ich auf dem Strand von Kelenn nicht übernachten werde. Als sich auch der Parkplatz des Plage du Port als überlaufen erweist, denke ich mir, klüger wäre es gewesen, ich wäre auf der Ile Callot drüben geblieben. Aber die Ebbe hat noch nicht eingesetzt, die Zufahrt ist noch unter Wasser. St. Pol de Leon Ich versuche mein Glück in St. Pol de Leon, wo ich bei Sonnenuntergang ankomme. Auf der Hafenmole parkt eine lange Reihe von Wohnmobilen. Neben ihnen stelle ich mein Auto ab und schlafe anschließend friedlich und ungestört ein - keine Restaurantbesucher stören mich und keine Mopedfahrer. 24. Mai 2001 Lange
schläft man in den Wohnwagen, ich in meinem Auto ebenfalls, bis ein
Herr sein Auto neben meines stellt, geräuschvoll Türen und
Kofferraumdeckel auf- und zuklappt und sich schließlich samt Angelzeug zu
einem Boot im Hafen begibt. Das Boot ist kleiner als er selbst, erinnert
mich an die Waschtröge, in denen ich als Kind gebadet wurde, nur ist
diesmal das Wasser draußen. Portsall
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| Geändert
am 12. März 2005 © Peter Lausch |
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